Die Sicherheit des KWO gegen terroristische Angriffe und Flugzeugabsturz

Leitsätze
1. Die Gesamtanlage KWO ist gegen Angriffe von außen mit konventionellen Waffen bzw. einen gezielten Flugzeugangriff nicht geschützt.
2. Wegen der baulichen Gestaltung und geographischen Lage ist ein Schutz des KWO gegen Angriffe von außen nicht möglich.
3. Eine intensive Bewachung der gefährdeten Anlage findet nicht statt.
4. Staaten, in denen AKW betrieben werden, können sich gegen Angriffe von außen nicht schützen, sie sind nicht verteidigungsfähig.

Ad 1:
Bereits am 27. 3. 1995 veröffentlichte DER SPIEGEL (13/1995) ein Interview mit dem Präsidenten der Forschungsgruppe " Forecasting International" (Arlington/USA) Marvin J. Cetron. Die Forschungsgruppe stellte im Juni 1993 die Untersuchung "Terrorism 2000" vor, in der für die Zukunft schwerste terroristische Angriffe vorausgesagt wurden. In entsetzlicher Weise hat sich diese Voraussage bewahrheitet.

Bei der Erörterung der Einwendungen gegen die Inbetriebnahme eines Zwischenlagers im KWO Anfang Nov. 1995 brachte der Einwender Dr. Sieber den Bericht "Terrorism 2000" zur Sprache, vor allem die Tatsache, dass das KWO, insbesondere die Reaktorkuppel, auch Angriffen mit modernen konventionellen Waffen nicht wiederstehen könne. Dem stimmte der damalige Verhandlungsleiter Ltd. Ministerialrat Blickle zu. "Da haben Sie sicher recht. Es gibt sicher Waffen, gegen die auch eine solche Betonwand nicht schützt. Es gibt panzerbrechende Waffen und betonbrechende Waffen, rechnet man im allgemeinen nicht zu den terroristischen Waffen...."
(Wortprot. S. 532).

Ad 2:
Bei der genannten Erörterung wurde auch das Thema Flugzeugabsturz diskutiert. Dabei wurde klar, dass die 60 cm dicke Betonkuppel lediglich einer Flugzeuglast vom Gewicht des Starfighters widerstehen könnte, nicht aber Maschinen vom Typ Phantom oder Tornado. Des weiteren wurde klar, dass auch das Dach des Notstandsgebäudes nicht besser abgesichert ist als die Reaktorkuppel, obwohl das Notstandsgebäude erst errichtet wurde, als die schwereren Flugzeugtypen (Phantom) schon verwendet wurden. Der damalige technische Direktor des KWO Herr Pickel musste zugeben (Wortprot. S. 339), dass direkt unter dem Dach des Notstandsgebäudes die Frischdampf-Armaturenstation eingebaut ist, die für die Funktion des Notstandsystems wesentliche Bedeutung hat.

Im Zusammenhang mit dem Thema Flugzeugabsturz wurde seitens der Einwender auch auf das Problem Flächenbrand nach Flugzeugabsturz vorgetragen. Betreiber und Genehmigungsbehörde sahen hierin keine Gefahren, die nicht beherrschbar wären (Wortprot. S. 81). Der Brand des Kerosins nach der Explosion der Flugzeuge in New York und Washington zeigte, dass
- der immensen Hitze (> 1000 °C) kein Baumaterial widerstehen kann und sogar Baustahl schmilzt,
- wegen der Strahlungswärme die Feuerwehr den Brand nicht bekämpfen kann.

Die geographische Lage der Anlage KWO ist für Angriffe mit Flugzeugen nahezu ideal. KWO liegt im Neckartal, das hier schwach eingeschnitten ist, etwa 140 m über N.N. . Das Gelände der Anlage beginnt in etwa 250 m Entfernung vom Neckar und liegt auf einem etwa 2,8 x 1,6 km großen, ebenen Schwemmland. Die höchsten Erhebungen der Umgebung erreichen in einer Entfernung zum KWO von 2,5 - 3 km 300-350 m über N.N, überragen das KWO also um knapp 200 m. Gezielte Flugzeugangriffe sind relativ unbehindert durchzuführen, vor allem aus Südosten bis Südwesten, aber auch aus Nordosten und Nordwesten.

Eine große Gefahr bietet die unmittelbare Umgebung der Anlage. Südlich des KWO befindet sich auf dem Schelberg der sog. Tanzplatz (Grill- und Spielgelände), der ca. 40 m höher liegt. Von dessen Rand aus bietet sich ein freies "Schussfeld" auf die Reaktorkuppel in ca. 350 m Entfernung. Nördlich des KWO liegt eine Verbindungsstraße zwischen Binau - Dorf und Binau-Siedlung. Diese Straße liegt ca. 60 m höher als das KWO-Gelände. Die Entfernung zum Reaktorgebäude beträgt ca. 600 m. Auch von dort aus ist das "Schussfeld" frei. Beide Punkte würden sich für terroristische Angriffe durch Einzeltäter geradezu anbieten.

Ad 3:
Unter den gegebenen Umständen ist es zwingend notwendig, dass die Gesamtanlage KWO in besondere Weise bewacht und überwacht wird. Dies war als selbstverständlich anzusehen, da nach den schrecklichen Ereignissen in den USA die Bevölkerung terroristische Angriffe in der
Bundesrepublik befürchtet, insbesondere in der Umgebung des gegen solche Angriffe völlig ungeschützten KWO. Solche Schutzmaßnahmen waren seitens der Politiker angekündigt. Auch der baden-württembergische Umweltminister Müller musste eingestehen, dass die AKW In Baden-Württemberg, vor allem das KWO, gegen Angriffe wie in den USA nicht gesichert sind. So wurden entsprechende Schutzmaßnahmen als selbstverständlich angesehen.

Es wäre zu erwarten gewesen, dass nach den Ereignissen in den USA gerade diese Punkte in besonderer Weise überwacht werden. Die mehrmalige Begehung dieser Regionen nach dem 11.9.01 zeigte, dass dort keinerlei Überwachung erfolgt, weder von Wachmannschaften noch von

Polizei. Auch der Aufbau von TV-Kameras der ARD auf dem sog. Tanzplatz, konnte problemlos erfolgen und ermunterte die sog. Wachmannschaft nicht zur Aktivität. Sogar Aufnahmen in der

Umgebung des Eingangs zum KWO bzw. in ca. 100 m Entfernung vom Reaktorgebäude erweckten keinerlei Argwohn.
Die nicht nur mangelhafte, sondern fehlende Überwachung des KWO und seiner näheren Umgebung kann, nicht nur aufgrund der jüngsten Ereignisse in den USA, nur als Skandal bezeichnet werden. Die Sicherheit und der Schutz der Bevölkerung vor terroristischen Angriffen
liegen offensichtlich außerhalb des Verantwortungsbewusstseins der Behörden und der Betreiber.

Ad 4:
In einem Schreiben an das Bundesumweltministerium im Dez. 1998 wies ein Mitglied unserer Klägergemeinschaft darauf hin, dass die BRD durch den Betrieb von AKW bei kriegerischen Auseinandersetzungen besonders gefährdet ist. In seiner Antwort vom Febr. 1999 zitierte Dr. Fechner, Mitarbeiter des BMU, das 1. Zusatzprotokoll von 1977zu den Genfer Abkommen vom August 1949, das einen bewaffneten Angriff auf Kernkraftwerke verbietet. Zudem würden kerntechnische Anlagen im Verteidigungsfall militärisch besonders geschützt. Ergänzend wies Dr. F. darauf hin, "daß sich die Bedrohungssituation ......seit 1978 .eher entschärft hat...." Leider haben die Behörden bisher versäumt, zur Abschreckung eventueller Terroristen durch Schilder an der Umzäunung von Kernkraftwerken deutlich auf das Verbot eines bewaffneten Angriffs hinzuweisen.


Weitere Infos zu diesem Thema:

"Die Evolution des Terrorismus" Bezug auf Spiegel Veröffentlichung bei www.european-security.com
"Das amerikanische Inferno" Artikel bei DIE ZEIT bzgl. "Terrorism 2000"